Predigten

Predigt zu Epheser 3, 14-21 am 2.6.2019 in der St. Johanniskirche Würzburg zur Jubel-Konfirmation Innenstadt von Pfarrer Jürgen Dolling (St. Stephan)

Die Fürbitte des Apostels für die Gemeinde
Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden seinen Namen hat, dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne. Und ihr seid in der Liebe eingewurzelt und gegründet, damit ihr mit allen Heiligen begreifen könnt, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen könnt, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet, bis ihr die ganze Fülle Gottes erlangt habt. Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus durch alle Geschlechter von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen
. (Epheser 3, 14-21)

Liebe Gemeinde, liebe Jubilare,
vor 50 oder vor 60 Jahren sind Sie hier in St. Johannis oder drüben in St. Stephan zur Konfirmation gegangen. Sie erinnern sich noch an die Dekane Schwinn und Bezzel, Pfarrer Backe, Pfarrer Brendel, Pfarrer Schedler, Pfarrer Ahrens, Pfarrer Wagner und Pfarrer Hamann. Man denkt zurück und merkt, wieviel damals noch anders war - vielleicht war es ein bisschen strenger und traditioneller (es gab z.B. noch keine Pfarrerinnen), das war in der Kirche genauso wie in der Gesellschaft und in der ganzen Welt: 1959 - da war Pfarrer Jürgen Reichel gerade mit seiner Geburt beschäftigt, mich gab es noch gar nicht - 1959 also wird Heinrich Lübke als Nachfolger von Theodor Heuss Bundespräsident, Papst Johannes XXIII beruft das zweite Vatikanische Konzil ein, in der alten DDR werden die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften - LPGs - gegründet. Zehn Jahre später 1969 findet die erste bemannte Mondlandung von Apollo 11 statt, die Beatles spielen ihr letztes Konzert, und im damals noch raren Fernsehen lief "Urmel aus dem Eis" der Augsburger Puppenkiste - das habe ich als Kind auch gerne gesehen.
Und damals sind Sie hier oder drüben in St. Stephan vor den Altar getreten, haben Ihren Konfirmationsspruch bekommen, vielleicht haben Sie die Kniebank auch ein wenig unbequem und ungewohnt in Erinnerung, aber darauf sind Sie vor dem Altar gesegnet und gestärkt worden, so wie es heute immer noch guter Brauch ist bei der Konfirmation, die ja bedeutet, seinen Glauben zu bekräftigen und bestärkt zu werden durch den Segen Gottes.
 „Ich beuge meine Knie vor Gott, der ein guter Vater ist, und bitte ihn für euch, dass ihr stark werden möchtet am inneren Menschen.“ So hat sich Paulus zu neutestamentlichen Zeiten an die Christen in Ephesus gewandt. Er drückt ihnen nicht die Daumen für ein gutes Gelingen ihres Gemeindelebens. Er klopft auch nicht dreimal auf Holz. Sondern er ist einfach nur demütig vor Gott, er beugt seine Knie, und er faltet die Hände für diese Fürbitte „dass ihr stark werdet am inneren Menschen.“
Stark sein am äußeren Menschen, das wünschen wir uns normalerweise. Dass wir uns durchsetzen können, aus jeder Situation das Beste machen, dass wir immer sehen, wo wir bleiben, dass wir starke Nerven haben, und dass uns so schnell nichts umhaut. Solche Stärke am äußeren Menschen ist sicher oft gut und hilfreich. Aber sie ist eben nicht alles im Leben. Und wichtiger ist oft das, was wir in unserem Innersten tragen. Deswegen will Paulus "dass Ihr stark werdet am inneren Menschen." Stark in dem, was hinter unserer Oberfläche ist. Auf der Oberfläche tun wir ja manchmal so stark, auch wenn wir es gar nicht sind, und doch so gern wären.
Stark am inneren Menschen müssen Mütter und Väter sein, wenn Beruf und Haushalt und Kinder die Kräfte, und meist auch die Nerven strapazieren. Stark am inneren Menschen müssen Menschen sein, die Kranke pflegen oder alte Menschen, und die nicht nur mit deren Gebrechen, sondern auch mit ihren Launen und Eigenarten zurechtkommen müssen. Stark müssen die sein, die sich für eine gute Sache in der Gesellschaft oder in der Kirchengemeinde einsetzen. Besonders dann, wenn die Frage kommt: „Lohnt sich das alles?“ Und: „Können das nicht auch andere machen?“ Innere Stärke brauchen heute viele, die merken, wie ihre Beziehung zueinander erlahmt ist oder beschädigt wurde. Sie müssen stark sein, damit sie nicht aufgeben, sondern in Liebe und Treue trotz allem ihren Weg gemeinsam gehen. Und wir alle müssen stark sein in den Verlockungen jeden Tag, wenn uns im Internet und in unzähligen Werbeflyern eingeredet wird, was wir eigentlich noch alles bräuchten, um ein glücklicher Mensch zu sein. Glücklich sind wir dann, wenn wir zufrieden sind und wissen, was eigentlich wichtig ist im Leben. Und wer glücklich ist, ist auch stark
Wie kann man zu einer solchen Stärke kommen?
Eine Stärke, die wir brauchen, wenn etwas über unsere Kräfte geht. Eine Stärke, die man sich nicht selber geben kann.
Paulus sagt: Ich beuge meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden. Darin liegt der Ursprung seiner Stärke. Stark am inneren Menschen ist, wer Christus in seinem Herzen hat. Wer Gott vertraut. Wer sich ihm überlässt, so wie Kinder ihrem Vater oder ihrer Mutter vertrauen. Und Gott enttäuscht seine Kinder nicht. Er gibt uns Kraft, immer so viel, wie wir brauchen, um den nächsten Schritt im Leben zu tun. Und am Ende schenkt er uns einfach Gnade.
Dietrich Bonhoeffer hat das wunderschön formuliert in seinen bekannten Worten "Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag, Gott ist mit uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag." Und in einem Brief erläutert er auch, wie er zu diesen Sätzen gekommen ist. Das ist ganz einfach. Es ist das alte Abendgebet für Kinder von Engelbert Humperdinck: "Abends, wenn ich schlafen geh, Vierzehn Engel um mich stehn: Zwei zu meinen Häupten, Zwei zu meinen Füßen, Zwei zu meiner Rechten,
Zwei zu meiner Linken, Zweie, die mich decken, Zweie, die mich wecken, Zweie, die mich weisen, Zu Himmels Paradeisen." - so einfach kann man Geborgenheit in Gott ausdrücken. Nicht nur für Kinder, auch für uns Erwachsene! Paulus schreibt ja auch ausdrücklich, dass wir das "mit allen Heiligen begreifen" sollen. Und deswegen macht es eigentlich auch nichts, dass das Gebet mit den 14 Engeln auf die 14 Nothelfer zurückgeht, die in der katholischen Kirche verehrt werden. Zwar glauben wir als Evangelische nicht, dass Menschen nach ihrem Tod zu Nothelfern werden können. Aber wir glauben unbedingt an das, was Engel darstellen: an die persönliche Zuwendung Gottes zu jeder und zu  jedem einzelnen von uns! Und ich hoffe, dass Sie diese Zuwendung in den letzten 50 oder 60 Jahren auch immer wieder einmal erfahren haben. Und dass sie die einfachen Dinge, die Sie damals auch im Konfirmandenunterricht gelernt haben, immer noch als tragend und mutmachend erleben: Der Herr ist mein Hirte. Vater unser im Himmel. Die einfache Formel von Martin Luther, dass es darauf ankommt, dass wir Gott fürchten, lieben und vertrauen.
Und Paulus schreibt weiter: „Ich wünsche euch, dass ihr begreifen könnt, was die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist.“ Die Länge und die Breite und die Höhe, das ist das, was man sieht und was man messen kann. Was sich nachweisen lässt. Unsere dreidimensionale Welt. Aber Paulus fügt noch die vierte Dimension hinzu: die Tiefe. Die göttliche Dimension, die uns umgibt und die man nur mit den Augen des Glaubens erkennen kann.
Sie ist nicht gleich erkennbar und doch überall da, wo Leben ist. Eine Tiefenschicht des göttlichen Geheimnisses. Ich staune manchmal über Menschen, die aus einer solchen Tiefenschicht leben.
Ich denke an eine alte Frau, die ihren Mann mehr als ein Jahrzehnt bis zum Tod gepflegt hat und jetzt selber krank geworden ist, so sehr, dass sie nicht weiß, ob sie morgen noch ihre Sinne beieinander hat. Und doch hat sie den Lebensmut nicht aufgegeben. Jeden Tag beginnt und beendet sie mit einem Gebet, dass Gott ihr dafür die Kraft gibt. Und es ist eine Freude, wenn sie den Weg hinunter in den Garten schafft.
Einen solchen Trost und eine solche Stärke kann man nicht erklären. Aber man kann sie suchen, da, wo wir unsere Herzen zu Gott hinwenden. Und Paulus bittet darum: Christus möge in euren Herzen wohnen! Und das lässt uns eingewurzelt und gegründet sein in seiner Liebe. Und am Ende sagt Paulus: Gott sei Ehre in der Gemeinde. An dem Ort, wo man vielleicht von Gott etwas mehr merkt als anderswo. Weil dort Menschen überzeugend an ihn erinnern. Also wir alle. Wir sollen die Ehre Gottes in der Gemeinde vergrößern. Einen schöneren Auftrag kann man auch als Jubilarin oder Jubilar heute nicht haben. Ganz stark sollt ihr werden und sein. Stark für das Leben, aber erst recht stark im Glauben und in der Liebe Christi. Wir sagen einander viele gute Wünsche. Dieser ist ein besonders guter: Dass  ihr stark sein möchtet am inneren Menschen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.

 


Predigt über Johannes 16, 23- 26a
Sonntag Rogate, 26. Mai 2019
Würzburg  Immanuelkirche, Pfarrer Jürgen Reichel

 

Liebe Gemeinde,

Wie beten Sie?

Beten Sie häufig? Manchmal? Eher selten?
Haben Sie einen festen Rhythmus: morgens nach dem Aufstehen oder abends vor dem Schlafengehen?
Gehen Sie manchmal in eine Kirche, um dort zu beten?
Steigt manchmal während des Tages ein Gebet in Ihnen auf?
Hilft es Ihnen, wenn Sie dabei eine Kerze anzünden können?
Tragen Sie eine Gebetskette, oder irgendetwas, das das Gebet erlichtert, mit sich herum?
Das Losungsbüchlein?

Beten Sie mit Ihren Kindern, oder haben Sie mit Ihren Kindern gebetet?
Beten Sie vor dem Essen?
Beten Sie frei oder nutzen Sie fertige Gebete?
Oder verzichten Sie auf Worte; Sie meditieren oder warten auf Gedanken, die in Ihnen aufsteigen?
Besuchen Sie Gebetsgemeinschaften?
Haben Sie schon einmal in Zungen gesprochen?

Beten Sie zu Gott? Oder zu Jesus? Oder zur Trinität?

Beten Sie für Ihre Angehörigen?
Haben Sie manchmal das Gefühl, einfach danke sagen zu wollen?
Oder es überkommt Sie das Bedürfnis, Gott zu preisen, weil er da ist?

Haben Sie früher mehr gebetet als heute?
Oder entdecken Sie, je älter Sie werden, dass beten gut ist?

Haben Sie das Gefühl, dass Gott zuhört?
Erhört er Gebete?
Rechnen Sie damit, oder überlassen Sie Gott, was er mit Ihren Bitten anfängt?

Können Sie mit den Gebeten in den Gottesdiensten etwas anfangen?
Würden Sie es vorziehen, wenn wir frei beten?
Wenn jeder etwas sagen kann?


Fast alle beten überall!

Sie sehen allein an den Fragen: Es gibt so unterschiedliche Arten zu beten. Die Fragen, die ich hier gestellt habe, sind in Deutschland sinnvoll.

In Korea würde ich zum Beispiel fragen können:
- Fahren Sie früh um fünf Uhr in die Kirche und beten eine Stunde vor der Arbeit? Millionen von Koreanern tun das.
- Oder: Haben Sie sich schon einmal verpflichtet, 1000 Tage lange für etwas zu beten? Mütter tun das in Korea zum Beispiel drei Jahre vor dem Abitur Ihres Kindes.

In Indonesien würde ich fragen:
- Beten Sie, wenn Sie mit dem Auto losfahren und wenn Sie gesund ankommen?
- Fühlen Sie, wie die Geister und Dämonen zurückweichen, wenn Sie beten?

In Ghana wiederum könnten meine Fragen lauten:
- Wie viele Menschen haben Sie schon durch Ihr Gebet heilen können?
- Kommen Sie am Tag dreimal, fünfmal oder öfter dazu, zu beten?

Menschen in allen Kulturen beten. In allen Religionen gibt es Gebetsformen. Manchmal sind sie sich sehr ähnlich, und oft genug schauen sich Religionen voneinander ab, wie man betet. Die „1.000“ Gebete, zu denen sich Christen in Korea verpflichten, haben sie aus dem Schamanismus und dem Buddhismus abgeschaut.
In Deutschland geben mehr Menschen an, dass sie beten, als an Gott glauben. Offenbar beten auch Menschen ohne einen bestimmten Glauben, und sogar etliche, die von sich sagen, sie seien Atheisten.
Wir reden aber wenig darüber. Anders als unsere Mitchristen in Korea, in Indonesien oder in Ghana. Dort ist es ein großes Thema. Und es ist beinahe selbstverständlich, dass man miteinander betet – auch im Alltag, auch im Beruf.

Es scheint so zu sein, dass Beten zu einem Grundbedürfnis von uns Menschen gehört.

Was ist nun das Besondere des christlichen Gebets?

Lesung

Jesus erklärt es uns im 16. Kapitel des Johannesevangeliums , Verse 23 b – 27:

23 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben.
24 Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sei.
25 Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Stunde, da ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater.
26 An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten werde;
27 denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin.


Beten heißt also, im Namen Jesu Christi zu Gott beten.

Was aber bedeutet das?

Wir beten nicht zu einem fernen, unbekannten Gott, von dem wir nur ahnen, was er ist. Gott ist nicht bedrohlich, sondern derjenige, der in Christus den Menschen nahe gekommen ist. Der in Christus geheilt und geholfen hat, Beziehungen wieder hergestellt hat, aus Feinden Freude gemacht hat. Der sein Reich unter uns beginnen lässt als ein Reich der Freude und der Hoffnung.

Sicherlich glauben wir nicht, Alles von Gott zu wissen, und wir sind uch nicht so töricht zu meinen, dass wir Gott jemals mit unserem Verstand fassen können. Aber wir vertrauen fest, dass Alles, was von Gott für uns wichtig ist, in Jesus Christus erkennbar ist.

Beten heißt dann:
Diese Beziehung pflegen.
Die Nähe Gottes suchen.
Ihn ehren.
Uns ihm anvertrauen.

Wieder einmal hat es kaum jemand besser in Worte gefasst als Martin Luther. Im Kleinen Katechismus, der Auslegung des Vaterunsers, schreibt er:
„Vater unser im Himmel.
Was ist das?
Gott will uns damit locken, dass wir glauben sollen,
 er sei unser rechter Vater und wir seine rechten Kinder,
auf dass wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten sollen
wie die lieben Kinder ihren lieben Vater.“

Das, liebe Gemeinde, schrieb einer zu einer Zeit, als Eltern ihre Kinder fürchterlich verprügeln konnten, wenn sie wollten. Kein Gericht hätte sie belangt, wenn sie ihre Kinder dabei verletzten. Luther selbst erzählt, wie schrecklich ihn seine Mutter wegen Kleinigkeiten bestrafen konnte. Es wurde geschlagen und geprügelt, wie wir uns das heute kaum noch vorstellen können.

Luther aber sieht in der Beziehung zwischen Gott und uns aber nur das eine. Liebe, Güte und Zuwendung. Und im Gebet, so meint Luther, lebt diese Liebe, diese Zuwendung, diese Güte auf. Die Kritik von Luther an den Mönchen war nicht, dass sie beteten, sondern dass sie als ein Werk ansahen: Möglichst viel und dabei mechanisch. Im Großen Katechismus wirft er den Mönchen vor, dass sie „nie von Herzen auch nur um ein Tröpflein Wein gebetet haben“ (GrKat Das Vaterunser. Einleitung # 762). Denn er unterstellt, dass sie von Gott gar nichts erwarten, sondern ihm im Gegenteil dazu zwingen wollen, ihnen durch immerwährendes Beten Sündenstrafen zu erlassen. Das ist sicherlich übertrieben, und heutzutage würden wir das Mönchen und Nonnen auch nicht mehr unterstellen, aber der springende Punkt ist: In der selben Linie wie Jesus im Johannesevangelium fordert er uns auf: Gestaltet eure Beziehung zu Gott, indem ihr betet. Dazu ist keine Kirchenleitung nötig, kein Pfarrer, kein Mittler, nicht einmal Jesus selbst: „Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten will; denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt“. (Joh 16, 26b.27a).  Die allergrößte Würde und Freiheit, die wir Menschen haben können, ist es, dass jeder von uns eine eigene Beziehung zu Gott hat. Niemand tritt dazwischen. Das christliche Gebet ist frei von Angst.


Wie also sollen wir beten?


Bei den Fragen, die ich eingangs gestellt habe, gibt es kein richtig oder falsch.
Der eine hat feste Gebetszeiten und folgt vielleicht einer vorgegeben Ordnung.
Der andere ist eher der Typ, der zwischendurch innehält und das Zwiegespräch mit Gott sucht.
Der dritte meditiert täglich und findet so einen Weg des stillen Gesprächs mit Gott.
Jemand anders sammelt sich besonders in unseren Gottesdiensten.

Wie auch immer sie es tun – Ihre Gebete sollten drei Facetten enthalten: Bitte, Lob und Dank.

Bitte: Sagen Sie Gott, was Sie wünschen und was sie sich ersehnen. Denken Sie nicht: Er weiß es auch ohne dass. Wenn Sie sich vor Gott sammeln und überlegen, um was Sie bitten, werden Sie beginnen, Maßgebliches und nicht so Maßgebliches zu unterscheiden. Sie werden merken, dass manches, was uns scheinbar so wichtig ist, kaum eine Bitte wert ist. Wenn Sie Gott bitten, werden Sie beginnen, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Bitten Sie Gott um das wirklich Wichtige. Vertrauen Sie ihm. Und bitten Sie Gott darum, Ihnen zu zeigen, wie Sie damit fertig werden, wenn sich Ihre Bitten nicht erfüllen. Denn das wird nicht immer der Fall sein. Wenn Sie um die wichtigen Dinge bitten, merken Sie oft schon, was Sie selbst als Nächstes tun sollten, wenn Sie Ihre Bitte ernst meinen.
Bitten Sie Gott, wenn Sie beten.

Dank: Nichts von dem, was Ihr Leben schön und gut macht, ist selbstverständlich. Noch nicht einmal Ihr Leben selbst. Es muss so viel ineinander greifen, dass wir atmen können und uns bewegen. Dass wir zu essen und zu trinken haben. Ein Dach über dem Kopf. Dass es eine Familie um uns gibt, Freunde und Bekannte. Dass wir das Leben oft genug genießen können. Dass Gott uns angesprochen hat, und dass wir seine Stimme gehört haben. Dass uns „Hölle, Tod und Teufel“ nicht erschrecken müssen, auch wenn wir manchmal verzagt oder niedergeschlagen sind.
Danken Sie Gott, wenn Sie beten.

Vor allem aber: Loben Sie ihn.
Das ist es, was die Engel tun, die, wie es heißt, vor seinem Thron stehen. Das ist es, was wir tun, wenn wire beim Hiligen Abendmahl wie die Enge lsingen. „Heilig, heilig, heilig ist der Herre Zeboth“: Wir erkennen an, dass Gott Ehre gebührt, und dass wir ihm die Ehrfurcht entgegenbringen, die ihm gebührt – in Liebe und voller Freude. Das Lob kein ein ganz stilles Lob sein, ein Schweigen angesichts der Hoheit Gottes, ein Sich in Gott Versenken, ein sich leer machen vor dem Allerhöchsten.
Loben Sie Gott, wenn Sie beten.

 

 


 

 

 Predigt über Sprüche Salomonis 8, 12 – 31                  

Sonntag Jubilate 12. Mai 2019, St. Johannis, Pfarrer Jürgen Reichel

Die Weisheit ist der Anfang und das Ziel aller Werke Gottes

I) Gibt es für unsere ganze Welt so etwas wie einen inneren Kompass? Eine Richtung, die Alles nimmt? Eine innere Orientierung? Ein Ziel, auf das Alles zuläuft?

Die Physik lässt uns dran zweifeln. Jahr für Jahr erfahren wir von Erkenntnissen aus diesem unfassbar großen Weltall. Oft sind es Nachweise von Theorien, die man schon seit Jahrzehnten anwandte. Nun aber ließ sich der Nachweis führen. So wie kürzlich das spektakuläre Bild eines „Schwarzen Lochs“. Bisher hatte man angenommen, dass es sie geben müsse. Viele Anzeichen deuteten darauf hin. Nun aber ist eine Aufnahme geglückt, die die Annahmen belegt: Aus winzigstem Raum drängt sich die Masse von 6,5 Milliarden Sonnen zusammen. Die Sogkraft dieses Schwarzen Lochs ist gewaltig. Und wenn nun in mühevoller Arbeit die Abertausend Daten ausgewertet werden, die man von diesem einen Phänomen hat, wird man wieder viel mehr wissen über unser Universum, und man wird neue Fragen haben, die man vielleicht erst in 50 oder 100 Jahren wird lösen können.

Aber ob das Alles einem Zweck dient? Ob es bewusst so angelegt, oder gar gesteuert wird? Ob wir Menschen so einzigartig sind auf unserem Planeten, der einer von Milliarden ist, die Abermilliarden Sonnen in Milliarden Galaxien umkreisen? Gott scheint sich hier nicht finden zu lassen, und auch kein andrer Baumeister oder „Master Mind“ hinter diesem unfassbaren Spektakel des Universums.

Als glaubende Menschen müssen wir zunächst einmal sagen: Zum Glück. Denn ein Gott, der sich innerhalb des physikalisch messbaren Raums aufhalten würde, ein Gott, der der Zeit untergeordnet ist, die mit dem Raum entsteht, der wäre ein viel zu kleiner Gott, einer, dem wir gar nicht zutrauen dürften, unsere letzten Fragen zu lösen, denn er selbst wäre ja an das Werden und Vergehen gebunden, wäre gebunden an Materie und Naturgesetze. In manchen Spielarten des Hinduismus und des Buddhismus ist das übrigens so. Da sind die göttlichen Wesen Teil der riesigen Bewegung von all dem, was ist, und sie können vergehen und neue göttliche Wesenheiten können entstehen.

Der jüdische und der christliche Glauben haben hier schon immer getrennt. Auch ohne die unfassbar große und spannende Kenntnis des Weltraums und der Naturgesetze galt immer: Gott steht dem, was geworden ist und vergehen kann, gegenüber. Er unterliegt nicht diesen Gesetzmäßigkeiten.


II) Wenn ich Sie nun frage, wo wir in der Bibel nachschlagen, wenn wir drüber nachdenken wollen, wie sich Gott und die ganze sichtbare und erforschbare Welt zueinander verhalten, würden wir doch fast alle sagen: Ganz am Anfang, 1. Buch Mose, Kapitel 1 und 2, Die Schöpfung der Welt und die Geschichte von Adam und Eva im Garten Eden. Und leider blenden wir einen Text aus, der so kribbelnd und spannend ist, und viel näher an die Fragen heranführt:

Gibt es für unsere ganze Welt so etwas wie einen inneren Kompass? Eine Richtung, die Alles nimmt? Eine innere Orientierung? Ein Ziel, auf das Alles zuläuft?

Ich lese aus dem Buch der Sprüche, Kapitel 8:
12 Ich, die Weisheit, wohne bei der Klugheit
    und finde Einsicht und guten Rat.
13 Die Furcht des HERRN hasst das Arge;
    Hoffart und Hochmut, bösem Wandel und verkehrter Rede bin ich feind.
14 Mein ist beides, Rat und Tat,
    ich habe Verstand und Macht.
15 Durch mich regieren die Könige
    und setzen die Ratsherren das Recht.
16 Durch mich herrschen die Fürsten
    und die Edlen richten auf Erden.
17 Ich liebe, die mich lieben,
    und die mich suchen, finden mich.
18 Reichtum und Ehre ist bei mir,
    bleibendes Gut und Gerechtigkeit.
19 Meine Frucht ist besser als Gold und feines Gold,
    und mein Ertrag besser als erlesenes Silber.
20 Ich wandle auf dem Wege der Gerechtigkeit,
    mitten auf der Straße des Rechts,
21 dass ich versorge mit Besitz, die mich lieben,
    und ihre Schatzkammern fülle.

 

Meer
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Weisheit und Schöpfung
22 Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege,
    ehe er etwas schuf, von Anbeginn her.
23 Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her,
    im Anfang, ehe die Erde war.
24 Als die Tiefe noch nicht war, ward ich geboren,
    als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen.
25 Ehe denn die Berge eingesenkt waren,
    vor den Hügeln ward ich geboren,
26 als er die Erde noch nicht gemacht hatte
    noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens.
27 Als er die Himmel bereitete, war ich da,
    als er den Kreis zog über der Tiefe,
28 als er die Wolken droben mächtig machte,
    als er stark machte die Quellen der Tiefe,
29 als er dem Meer seine Grenze setzte
    und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl;
als er die Grundfesten der Erde legte,
30     da war ich beständig bei ihm;
    ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit;
31 ich spielte auf seinem Erdkreis
    und hatte meine Lust an den Menschenkindern.
(32 So hört nun auf mich, meine Söhne!
    Wohl denen, die meine Wege einhalten!
33 Hört die Zucht
    und werdet weise und schlagt sie nicht in den Wind!
34 Wohl dem Menschen, der mir gehorcht,
    dass er wache an meiner Tür täglich, dass er hüte die Pfosten meiner Tore!
35 Wer mich findet, der findet das Leben
    und erlangt Wohlgefallen vom HERRN.
36 Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben;
    alle, die mich hassen, lieben den Tod.)

III) Was geht Allem voran? Was war schon da, als nichts von dem, was wir fassen können, bestand? Was spielte sich sozusagen vor dem Urknall ab, bevor es losging mit Teilchen und Wellen und Kräften, mit Sonnen und Sternen und Galaxien und Planeten, mit schwarzen Löcher und der Ausdehnung des Raums?

Das setzte Gott aus sich heraus die Weisheit. „Frau Weisheit“, wie es anderswo im Buch der Sprüche heißt. Gott hat sie „schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her.“ (Spr 8,22).

Wenn das so ist, liebe Gemeinde, ist das wie ein faszinierender Gedanke: Gott nimmt die Weisheit und stellt sie vor sich. Es ist ja unzweifelhaft, dass es seine Weisheit ist. Er stellt sie aber sich gegenüber, betrachtet sie: „Da war ich als sein Liebling bei ihm (Spr 8, 30a)“. Gott lässt die Weisheit sich vor ihm entfalten, wie man einem Kind zusieht, das aus sich heraus eines um das andere entwickelt. Schmecken und riechen, sehen, reden, fassen und greifen, spielen und ausprobieren, die Welt erfahren. „Ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit“ (Spr 8, 30). Gott sieht seiner eigenen Weisheit zu, und es gefällt ihm, was er sieht. Und Gott gefiel, was die Weisheit da tat.

Und nun erst und deswegen kommt es zur Schöpfung: Die Weisheit soll tätig werden. Sie soll sich wieder finden in Anderem, nicht nur in Gott. Die Weisheit soll ein großes Tätigkeitsfeld bekommen, einen eigenen Spielplatz, sie soll sich weiter entfalten können, Neues erfahren und Neues in sich aufnehmen.

Gibt es also für unsere ganze Welt so etwas wie einen inneren Kompass?
Ja, die Weisheit Gottes.

Gibt es eine Richtung, die Alles nimmt?
Ja, das Aufblühen der Weisheit Gottes.

Gibt es eine innere Orientierung? Ein Ziel, auf das Alles zuläuft?
Ja, Alles ist darauf angelegt, dass die Weisheit Gottes erkannt wird.

IV) Und erst hier kommen wir Menschen ins Spiel.
Ich kann Ihnen nicht sagen, ob und wie Atome und Elemente, Sterne und Galaxien mit der Weisheit Gottes in Verbindung sind. Es scheint aber nun so zu ein, dass Alles, was wir Materie nennen, Spielfeld dieser Weisheit ist. Insofern kann es gar keinen Gegensatz geben zwischen Gott und den Naturgesetzen, zwischen Glauben und Wissenschaft. Wenn wir heutzutage in den Naturwissenschaften ein bisschen ausbuchstabieren, wie sich die Kräfte zueinander verhalten, und wie Materie und Energie sich verändern, betrachten wir das Spiel der Weisheit vor Gott. Und wir empfinden daran Vergnügen, wie Gott es selbst tut: „Ich bin seine Lust täglich und spiele auf seinem Weltkreis vor ihm“ (Spr 8, 30b 31a).

Die Weisheit Gottes sucht sich in ihrem lustvollen Spiel ein besonderes Gegenüber, eines das sie auch erkennt: Das wird uns Menschen zugetraut. „Ich liebe, die mich lieben, und die mich suchen, finden mich“ (Spr 8, 17).

V) Was ist die Weisheit aber?
Wir bekommen hier zu spüren, dass die deutsche Sprache so viele Begriffe hat: Weisheit, Wissen, Verstehen, Erkenntnis, Klugheit, Bildung, Moral, Anstand, Glaube.“ Die Weisheit Gottes ruft das Alles in uns wach:
o    den Drang, Dingen auf den Grund zu gehen,
o    die Fähigkeit, im Kopf systematisch zu ordnen, was wir erfahren und erleben,
o    Zusammenhänge zu erkennen,
o    uns so zu organisieren, dass wir Wissen und Erkenntnis weitergeben,
o    uns zu fragen, wie wir uns richtig verhalten und wie wir leben sollen,
o    uns dabei zu beobachten wie wir handeln und uns manchmal auch korrigieren,
o    ein Gewissen zu entwickeln, das uns stärkt und manchmal Dinge verbietet,
o    Glauben an Menschen und Glauben an Gott zu entwickeln, der uns Halt gibt.

Das Alles ist „Weisheit“ in der Sprache des Alten Testaments: Erkennen, Wissen, das Richtige tun, Gott vertrauen. Wer das beherzigt, ist weise: Er strebt nach Erkenntnis, will wissen und begreifen, möchte das Richtige tun, und setzt seine Hoffnung auf Gott.

Damit wird die Weisheit zum inneren Leitfaden des menschlichen Lebens und Zusammenlebens.

VI) Lassen Sie uns die Probe machen, ob es damit seine Richtigkeit hat: Was passiert, wenn die Weisheit mit ihren Facetten Erkennen, Wissen, das Richtige tun, Gott vertrauen, ausgeblendet wird?

1) Da fangen Massenmedien in England an, Halbwahrheiten über die Europäische Union zu verbreiten, mitunter faustdicke Lügen. Die logische Folge scheint zu sein: raus aus dieser EU. Weil aber die Grundannahmen nicht stimmten, gelingt der ganze Austritt nicht, denn: die ungeheuren Verbesserungen für Wirtschaft und Handel im Königreich ohne eine EU waren eben eine Lüge. Und man kann das jetzt nicht herbei verhandeln. Natürlich können sich Nationen entscheiden, eine Gemeinschaft wie die EU wieder zu verlassen. Aber diese Entscheidung war nicht eine, die die Weisheit gefällt hat.

2) Eine andere befreundete Regierung beschließt, die Erkenntnisse der gesamten Klimaforschung zu bestreiten. Nicht nur wird Wissen und Erkennen Hohn gesprochen. Sondern es springt doch ins Auge: Das Richtige tun soll bedeuten, dass weiterhin mit Ölförderung Geld gescheffelt werden soll, dass die Betreiber klimaschädlicher Anlagen sich nicht umstellen müssen. „Richtig“ ist diese Politik nur für die, die weiter sehr viel verdienen können, wenn sich nichts ändert – darunter vermutlich Präsident Trump selbst. Weise ist diese Politik nicht.

3)    Andere Regierungen verkrampfen sich heutzutage regelrecht in Gott. Zur Weisheit, so haben wir ja festgestellt, gehört zwar das Vertrauen und die Hoffnung auf Gott zu setzen.  Es macht sich aber seit 40 Jahren eine bitterernste Haltung breit, die weniger vom Vertrauen auf Gott zeugt als von einem Zwang, das Leben vereinheitlichen und regulieren zu wollen. Die heitere, gelöste Freude Gottes an seiner Weisheit kann ich in den bitter ernsten Gesetzen des Iran, Saudi-Arabiens oder von Brunei nicht wieder finden.

VII) Wir werden Menschen, die ohne Gott durchs Leben gehen wollen, und solche, die mit den Grenzen der Wissenschaft auch die Grenzen ihrer eigenen Weltanschauung setzen, nicht überzeugen können, aber uns hilft die „Frau Weisheit“ im Buch der Sprüche:

Wir erkennen, dass die Schöpfung von Gottes Weisheit durchdrungen ist.

Wir dürfen uns an Allem freuen, was Wissenschaft und Forschung nach buchstabieren. Es ist die Weisheit Gottes, die sich in dieser Welt einen Spielplatz gesucht hat, und an der Gott seine Freude hat, indem seine Weisheit sich in der Schöpfung weiter entfaltet.

Wir machen aber mit dem reinen Wissen nicht Halt, sondern sind überzeugt: Wissen und Moral gehören zusammen. Alles, was wir wissen und können, muss dem Zusammenleben dienen. Erst wenn wir das sagen können, sind wir „weise“.

Und wirklich weise sind wir dann, wenn in dem Allen die Weisheit Gottes erkennen, der in dem hinteren Winkel einer der vielen Galaxien Freude daran hat, dass seine Weisheit es uns ermöglicht, ihn zu erkennen.

Amen.

 

 

 

Predigt zur Einführung  von Pfarrerin Uli Foldenauer

Einführungsgottesdienst Uli Foldenauer
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Predigt  Joh 10 11-16  –  Guter Hirte - Misericordias Domini

Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe.
Der Lohnarbeiter aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen, lässt die Schafe im Stich und flieht; und der Wolf reißt sie und zerstreut sie. Er flieht,
weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt.
Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die Schafe.
Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muss ich führen und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten.
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Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.                  
Ich bin der gute Hirte – so beginnt der Abschnitt aus dem Johannesevangelium, den wir vorher gehört haben.
Ich bin – ein wahrhaft starker Satz!                         

Moment mal! werdet ihr, liebe Gemeinde, wahrscheinlich denken. Das ist doch gar kein ganzer Satz, da fehlt noch ein Teil.                                       

Ja, das stimmt insofern, als wir meistens noch eine Ergänzung hinterher schieben.
Ich bin – damit leiten wir mitunter unsere Vorstellung ein.
Ich bin Uli Foldenauer, 53 Jahre alt, wohnhaft in Winterhausen, lebe dort mit Mann, Tochter und Hund im Pfarrhaus – aber das wissen die meisten von euch bereits.
Ich bin –das kann ich hier gleich einflechten– es übrigens gewohnt, in Gottesdienst und Predigt das liturgische Du zu verwenden und „Sie“, liebe Gemeinde, mit „Du“ bzw. „Euch“ anzusprechen. Schließlich sind wir Schwestern und Brüder im Glauben, auch wenn sich der bei den vielen Menschen, die zur Johannis-Gemeinde gehören in unterschiedlichsten Facetten zeigen mag. Ich freue mich darauf, diese verschiedenen Farben des Glaubens in unserer Gemeinde nach und nach kennenzulernen.
Ich freue mich. Auch der Ausdruck von Gefühlen lässt sich  mit Ich-bin-Sätzen formulieren. Ich bin froh und dankbar, dass ich mit diesem Gottesdienst heute nun ganz offiziell hier anfangen darf. Und ich bin neugierig, wie sich dieser neue Lebensabschnitt für mich und für Euch als Gemeinde entfalten wird.
Ich bin … Mit diesem Satzanfang erzählen wir mitten aus unserem Leben.
Mit dem Bild des Hirten erzählt Jesus mitten aus seinem Leben. Ich bin - sagt er im Johannes Evangelium - ich bin der gute Hirte.
Auch wenn der Beruf des Hirten aus unserem Alltag verschwunden ist, können wir uns doch recht gut vorstellen, was ein Hirte so macht: Er verbringt einen Großteil seiner Zeit mit der Herde und tut alles, was in seiner Macht steht, damit es seinen Schafen gut geht. Der Schäfer, der noch in Winterhausen tätig ist,  kümmert sich tagaus, tagein um seine Schafe: Er bringt ihnen Wasser und zusätzliches Futter, falls das Gras auf der Weide nicht ausreicht; ob Regen oder Sonnenschein zieht er mit den Schafen über die Obstwiesen und abends bringt er alle wieder in den Stall auf der sicher umzäunten Weide zurück. Auch wenn der Winterhäuser Schäfer schon alt ist, seine Schafe abzugeben, dazu konnte er sich bis jetzt noch nicht durchringen. Die Schafe sind wesentlicher Teil seines Lebens.
Ich bin der gute Hirte, hören wir Jesus sagen. Das bedeutet: Ich lebe mein Leben für euch! Ihr seid mein Lebensinhalt, ihr liegt mir am Herzen! Ich kenne euch, ihr seid mir vertraut. So sehr seid ihr Teil meines Lebens, dass mir kein Preis zu hoch ist, um euch die Türe zum Raum der göttlichen Liebe zu öffnen.                                                                           

Denn: Ich bin der gute Hirte.
Das Bild vom Hirten – es vermittelt Fürsorge, grenzenlose Wertschätzung, Geborgenheit. Wie gut das tut!
Andererseits mag sich in unseren postmodernen Herzen auch Widerstand regen: Wer will schon gerne Schaf sein? Wir verstehen uns als Individuen! Als mündige Personen, die es hoffentlich gelernt haben, selbstständig zu denken (und zu fühlen!), ihr Leben aktiv zu gestalten und Verantwortung zu übernehmen.
Doch – und da kann ich Euch völlig beruhigen – um treudoof hinterhertrottende Schafe geht es hier ganz und gar nicht. Vielmehr sind mit den Schafen beziehungsfähige Individuen gemeint;  eigenständige Persönlichkeiten, die verbunden sind: mit sich selbst, mit dem Leben, mit Gott.
Ich bin – das ist das Stichwort. Und so lade ich euch heute dazu ein, einmal ganz bewusst „Ich“ zu sagen. Mit Egoismus hat das in unserem Kontext rein gar nichts zu tun. Hier ist das individuelle menschliche Ich im Blick, das im allumfassenden göttlichen Ich aufgehoben ist.
Ich bin – ein starker Satz! Er braucht nicht immer eine Ergänzung. Schon allein in diesen beiden Worten – Ich bin – steckt eine wahrhaft starke Botschaft.
Ihr alle kennt die Geschichte vom Mose am brennenden Dornbusch. Mose, übrigens unterwegs beim Schafe-Hüten, befindet sich am Rande der Wüste, als er eine Wahrnehmung hat, die das Alltägliche weit übersteigt: ein dorniger Busch, der brennt und doch nicht verbrennt;  ein Ort, der etwas ganz Besonderes ausstrahlt; hier ist eine Kraft, die alles Menschliche übersteigt; Mose geht näher … und weicht wieder zurück; er zieht die Sandalen aus, kniet nieder: Gott ist hier; Mose gewinnt Klarheit über seine Lebensaufgabe. Und er erfährt in welcher Kraft, in wessen Namen er handeln soll.
Er erfährt den Namen Gottes, der in der Bibel mit vier hebräischen Buchstaben wiedergegeben wird. Weil sich einer davon wiederholt, sind es genau genommen nur drei Buchstaben.  Diese drei (Jod, Heh und Vav) bilden die Wurzelbuchstaben des hebräischen Verbs „sein“.
„Ich bin“ – so kann der Gottesname übersetzt werden. Oder „Ich bin, der ich sein werde“; auch „Ich bin im Sein selbst (zu finden)“. Oder: „Der Eine, der alles, was ist, ins Sein geleitet“ , wie es Lawarence Kushner ausdrückte.
 Dieser Eine, der alles ins Sein geleitet –so legt es Jesus nahe– dieser Eine ist wie ein guter Hirte. Denn mit der Wendung „Ich bin“ benutzt Jesus den Namen Gottes und redet in dessen Namen, quasi mit Gottes Stimme.
In Jesus spiegeln sich Gott und Mensch in vollkommener Weise. Jesu „Ich“, seine menschliche Identität geht ganz und gar auf im allumfassenden göttlichen Ich. So sehen wir Gott in Jesus und Jesus in Gott.
In Jesu Leben, in seiner liebenden Hingabe ohne Wenn und Aber, begegnet uns Gott selbst. Gott selbst hat in Jesu Herzen so umfassend Raum genommen, dass menschliche Interessen und Bedürfnisse hinter der alles verbindenden Liebe zurückstehen.
Das macht den Unterschied. Das macht den Unterschied zwischen dem egozentrierten, kleinen menschlichen Ich und dem reifen menschlichen Ich, das seine Identität in Gott findet. Nur wer seine Identität maßgeblich in Gott, der allumfassend wohlwollenden Liebe, gefunden hat, nur wer seine Identität in Gott gefunden hat und im Augenblick seines Tuns aus dieser Identität heraus handelt, lebt in diesem Moment das Modell des guten Hirten.                                                                                       

Kein Mensch kann und darf als dauerhafte Zustandsbeschreibung von sich behaupten: Ich bin der gute Hirte. Gott allein ist der gute Hirte. Sehr wohl kann jedoch jeder Mensch für einen anderen wie ein guter Hirte sein – und zwar genau in dem Augenblick, in dem sich sein Herz im Raum der Liebe Gottes befindet und das Handeln daraus entspringt. Ich bin – mit diesen beiden Worten erzählen wir mitten aus unserem Leben.
Ich bin – ein wahrhaft starker Satz!
Er verweist auf den Kern unserer Identität. Er verweist darauf, dass wir auf ewig verbunden sind mit dem Einen, der alles, was ist, ins Sein geleitet. Aus dieser Verbindung kann nichts und niemand herausfallen.
Doch wer dieser Verbindung auch bewusst Raum gibt im eigenen Leben - mit weitem Herzen und empfänglichen Geist, der wird bemerken, wie sie ihre heilende, ihre verwandelnde Kraft entfaltet. Gottes schöpferisch-liebende Kraft verändert uns; sie lässt uns reifen und unserer Identität in Gott entgegenwachsen.
Ich bin der gute Hirte – das heißt:
1. Gott allein ist der gute Hirte.
2. In eurer Zugehörigkeit zu Gott liegt eure wahre Identität begründet.
3. Es geht darum, bewusst in die Verbindung mit Gott einzutreten – sich von ihr tragen und verwandeln zu lassen.
4. In Jesu Leben und Sterben leuchtet die vollkommen verwirklichte Identität in Gott auf. Insofern ist Jesus Licht für uns, Weg(-weiser), Türe und Hirte zugleich.
Ich freue mich darauf, liebe St. Johannisgemeinde, zusammen mit euch, den Spuren Jesu zu folgen, um der Verbindung zu Gott in unserem Leben Raum zu geben.

Amen.
                                                             

 

 

 

So gut wie eine Predigt:

Die Kanzelrede zu Fasching  2019 von Bernhard Schlereth, langjährigem Vorsitzenden der Fränkischen Fastnacht - Verbandes: in Christus machen wir uns für die Welt zum Narren.

Hier zum Nachhören: