Predigt über Römer 6,3-4 und Installation Christine Schätzlein: Spuren am 14. Juli 2019 von Pfarrer Jürgen Reichel


Predigttext

Römer 6, 3 Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? 4 So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in einem neuen Leben wandeln.

Spuren Installation von Christine Schätzlein
Bildrechte: iwo


Liebe Gemeinde,

wir bringen so viel Unfertiges mit.

1)    Das alltägliche Leben überfordert uns oft. Wir sind gereizt, weil zu viel gleichzeitig getan werden soll. Wir sind vergesslich, und dann gibt es Verdruss, weil andere sich auf uns verlassen haben. Wir finden oft nicht den richtigen Ton, und dann entstehen Streitigkeiten, wo es gar nicht nötig gewesen wäre.

Können wir das ändern? Nur bedingt.
Können wir aus unserer Haut heraus? Nicht wirklich.
Wir sind und bleiben unfertig.
Und das Leben hinterlässt seine Spuren.

2)    Wir überfordern uns oft selbst. Wir meinen, Dinge ganz besonders perfekt machen zu müssen, und ärgern uns, wenn andere das nicht würdigen. Wir nehmen uns zu viel vor, und geben dann anderen die Schuld, wenn es nicht klappt.

Können wir das ändern? Nur bedingt.
Können wir aus unserer Haut heraus? Nicht wirklich.
Wir sind und bleiben unfertig.
Und das Leben hinterlässt seine Spuren.

3)    Unser Körper spielt nicht immer so mit, wie wir uns das wünschen. Wir machen Pläne, und dann erwischt uns eine üble Grippe. Manche von uns haben mit Krankheiten zu kämpfen, die sie Jahre und Jahrzehnte ertragen müssen. Der Kummer und den Schmerz sieht man ihnen nicht immer an. Keiner von uns ist gefeit dagegen, eines Tages mit einer bedrohlichen Krankheit zu tun zu kriegen.

Können wir das ändern? Nur bedingt.
Können wir aus unserer Haut heraus? Nicht wirklich.
Wir sind und bleiben unfertig.
Und das Leben hinterlässt seine Spuren.

Einmal soll doch Alles gut sein - in der Taufe

Einmal soll doch Alles gut sein,
  da wollen wir in uns ruhen,
  da soll es keine Unstimmigkeiten geben,
  keinen Verdruss,
  keinen nagenden Ärger,
  keine Krankheit
  und keine zermürbenden Schmerzen.

Wenn kleine Kinder getauft werden, ziehen noch immer Familien ihnen ein weißes Taufkleid an. Oft ist es schon lange in Familienbesitz. Die Eltern, Großeltern oder sogar Urgroßeltern wurden in diesem Kleid schon getauft. Das weiße Kleid liegt über dem Kleinkind und unterstreicht die Bedeutung dieses Moments der Taufe: jetzt, jetzt und in diesem Moment wird es Wirklichkeit: In der Taufe wird Alles gut. Der kleine Mensch ist richtig aufgehoben – bei Gott.

Das kleine Wesen wird von Gottes Güte umkleidet. Es steht unter Gottes Schutz. Das Kind streift Gott sozusagen über, wie ihm das Taufkleid angelegt wird. Es erhält das Versprechen, dass Gott sich nicht mehr von ihm lösen wird.

Können wir etwas ändern an unserer Unfertigkeit?
Gott trägt die Unfertigkeit mit uns, und eines Tages wird sie vergehen.

Können wir aus unserer Haut heraus?
Nein, aber eine zweite gute, schützende Haut wird uns übergestreift.

Wird das Leben keine Spuren und Schrammen hinterlassen?
Doch, aber diese Spuren und Schrammen kerben sich auch bei Gott ein.

 

Taufkleid und Alltag: So sieht es Christine Schätzlein: Spuren

Die Künstlerin Christine Schätzlein hat uns ein Kunstwerk geschenkt, in dem sie diese tiefe Erfahrung erlebbar gemacht hat. Sie hat Taufkleider in ein Becken gelegt und darunter Stoff ausgebreitet. Das Becken stand im Eingang der …………………….kirche. Menschen, die die Kirche betraten, wateten durch das Becken, traten auf die Kleider und den Untergrund, auf dem sie lagen.

Sicherlich haben viele Scheu verspürt.
Wer tritt schon gerne auf ein sorgfältig besticktes Taufkleid?
Wer trampelt auf etwas makellos Weißem herum?
Wer trägt dazu bei, dass das Schöne und das Grobe und Hässliche ineinander gemengt werden?

Und doch ist das genau das, was in unserem Leben passiert: Es wird getreten und getrampelt, und das Leben hinterlässt seine Spuren.

Und wir, wir gehören auf beide Seiten:
Wir sind die, die treten und trampeln, die das Schöne beflecken und es mit dem Ordinären vermischen.
Wir sind auch die, die getreten werden, auf denen herumgetrampelt wird, und wir erleben, wie das Schöne, das wir fühlen und wollen, in den Dreck gezogen wird.

Diese Installationen sind drastisch. Sicher sehen Sie sie sich im Laufe der nächsten Wochen noch einmal genauer an. Wenn Sie das tun, sehen Sie sich auch sich selbst:
Als solche, die Spuren hinterlassen und als solche, auf denen Spuren hinterlassen werden.
Als solche, die die Leiden zufügen und solche, die etwas erleiden.
Als Menschen, die über andere hinweggehen und als Menschen, über die hinweggegangen wird.

(Wenn Sie aber dabei nicht stehen bleiben, werden Sie noch etwas entdecken: Aus den Stößen und Tritten, die hundert und tausend Mal die Taufkleider und den Stoff bearbeitet haben, ist etwas Neues entstanden: Filz. Er sieht ganz unscheinbar aus, grau und grob. Die Fasern sind aufgebrochen und haben sich umso fester miteinander verkettet. Filz ist widerstandsfähig. Filz wärmt. Kleidung aus Filz hält Regen und Sturm ab.
Das raue Leben, verändert uns, könnten wir sagen. Es kann uns stärker machen, ein bisschen gröber, aber auch besser geeignet und widerstandsfähiger.)
Auf dieser Ebene sollen wir aber nicht stehen bleiben, denn wir sehen, wie auch der Filz ausfranst, Löcher bekommt und sich wieder auflösen wird.)

Treten und getreten werden – unter der Fußwaschung

Als die Künstlerin diesen Ort an der Kirchenwand für die Installation gewählt hat, hat sich eine eigenartige Verbindung gegeben: Die Becken, in denen die Füße vieler Menschen ihre Spuren hinterlassen haben, hängen unter der Skulptur des Christus, der anderen die Füße wäscht.

Uns ist allen klar, dass die Fußwaschung Christi ein unfassbar starkes Zeichen ist:
Der, der herrschen könnte, dient.
Der, der Macht haben könnte, erniedrigt stich.
Der, der andere mit Füßen treten könnte, kniet nieder und sorgt sich um die anderen.

Meines Wissens hat niemand anderes, der in Gottes Namen auftrat, so etwas getan, außer diejenigen, die sich von Christus haben inspirieren lassen – Mahatma Gandhi zum Beispiel. Diese bedeutungsvolle Geste hat Spott und Verachtung ausgelöst. Nietzsche hat den christlichen Glauben als Sklavenreligion verspottet.

Wäre sie es nur, möchte ich sagen.
Bewegten wir uns als Christen nur in diesem Geist.
Wäre die Kirche nur dem Beispiel immer gefolgt.
Wären wir nur so souverän und stark wie Christus, uns zu Dienern zu machen.
Wären wir nur so souverän und stark, nicht treten und stoßen zu müssen.
Wären wir nur so souverän und stark, zu pflegen und zu heilen statt auszuteilen und zu verletzen.


Römer 6

In seinem Brief an die Römer stellt Paulus eine ganz erstaunliche Behauptung auf:
„Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft?
So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in einem neuen Leben wandeln.“

Das Unfertige führt in den Tod. Paulus ist hier nicht zimperlich.
Er sieht, dass wir dem seelischen Tod entgegentreiben, wenn wir Leiden verursachen und selber Leiden ansammeln.
Er sieht, dass wir soziale Tode erleiden, wenn wir andere verletzen und von anderen verletzt werden.
Er weiß wie wir alle, dass Krankheit und körperliche Gebrechen Vorboten des leiblichen Todes sind.

Christus, so sein Gedanke, hat alle diese Tode erlitten:
Ihm ist Leid ohne Grenzen zugefügt worden, und er starb mit dem Ruf: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, als ob sich ein Abgrund zwischen ihm und Gott aufgetan hätte, und er nur noch Finsternis und Grauen sähe. Seine Seele ist am Kreuz verzweifelt.
Er hat den sozialen Tod erlitten, miterlebt, wie seine Freunde geflohen sind, und sein nächster Vertrauter, Petrus, ihn verriet, um die eigene Haut zu retten.
Er ist als junger Mann eines furchtbaren körperlichen Todes gestorben, der so grauenhaft war, dass die Christen 300 Jahre lang keine Kreuzeszeichen anfertigten.

Und nun der kühne Gedanke des Paulus: Der Tod dieses einen ist auch euer Tod gewesen. Dieser Tod hat euren Tod förmlich aufgesogen.

Vielleicht hilft und ein Gedanke aus der Physik: Wie ein schwarzes Loch im Weltall Materie und Licht um sich herum aufsaugen kann, verschlingt dieser Tod alle Tode, die wir erleiden können. Durch die Taufe. Durch die Taufe werden wir so eng mit Christus verbunden, dass sich genau das in uns ereignet, was ihm zugestoßen ist: Tod und Auferstehung.

Tod und Auferstehung.
Gott hat es nicht zugelassen, dass der seelische Tod des Jesus von Nazareth das Ende war. Er hat über den Tod hinaus zu Gott gefunden.
Der soziale Tod war der Anfang einer neuen Beziehung: zu Gott, und zu denen, die in seinem Namen ihr Leben ausrichten.
Der leibliche Tod hat ihn nicht gehalten.


Paulus behauptet, dass das Unfertige und aus seiner Haut-nicht-heraus-Können, dass das Treten und getreten Werden, das Trampeln und getrampelt Werden, ein Ende hat.

In was für einem Zustand leben wir also?

Unfertig, Tritte austeilend und Tritte erleidend? Ständig neu gezeichnet werden vom Leben und Spuren hinterlassend?
Ja, wenn wir zurückschauen.
Als neue Menschen, die den seelischen Tod, den sozialen Tod, den leiblichen Tod nicht fürchten müssen?
    Ja, wenn wir nach vorne schauen.

Paulus schenkt uns eine unglaubliche Hoffnung:

Alles Unfertige, das wir an uns tragen, werden wir nicht ändern können.
Wir werden weiter Tritte austeilen und Tritte erleiden.

In der Taufe aber hat Gott das Unfertige, das ins uns ist, angenommen.
Er erleidet mit uns die Tritte, die das Leben verteilt,
und er erträgt mit uns, dass auch wir nicht zimperlich sind.
Das ist aber jetzt schon begraben.
Das Unfertige und das Gemeine ist mit ihm am Kreuz vernichtet worden.

Wir gehen als Getaufte jetzt dem Leben entgegen, das gut und würdevoll ist.
Ja noch mehr, dieses Leben ist in uns schon kräftig.
Wir werden jetzt ermutigt, stark und würdevoll zu sein,
gut und aufrichtig.
Und dieser Lebensfaden wird nie mehr abreißen,
sondern wie ein Strom anschwellen, bis wir Gott von Angesicht zu Angesicht schauen.

Amen